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ÖRR verbreitet groteskes Bild der Armut in der Bundesrepublik

Weiterhin jedes fünfte Kind in Deutschland armutsgefährdet“ meldete das Redaktionsnetzwerk Deutschland am 13. März 2022, und diese Steilvorlage ließen sich natürlich die zuständigen ÖRR-Redakteure nicht entgehen – in der Tagesschau, in BR24 und im ZDF Heute-Journal wurde pflichtgemäß dieser soziale Mißstand in unserem reichen Land beklagt.

Dieser Jammerchor geht am eigentlichen Problem vorbei.  So wird etwa die Armut der Kinder allein am Einkommen der Eltern fesatgemacht. Aber was nutzt das beste Einkommen, wenn bei den Kindern nichts davon ankommt? Angreifbar ist auch das schematische Zurechnen von Extrabedarf bei wachsender Kinderzahl. Hier gibt es verschiedene sogenannte Äquivalenzskalen, die dazu führen, dass bei der einen Äquivalenzskala eine Familie arm ist, bei der anderen aber nicht. Worauf es aber vor allem ankommt: Nach dieser Sichtweise war auch vergangenes Jahr jedes fünfte Kind armutsgefährdet, das gleiche wird in einem, in zwei, in fünf und in zehn Jahren auch so sein. Weil die hier zugrundegelegten Armutsmaße so beschaffen sind, dass per Konstruktion jedes fünfte Kind in Deutschland armutsgefährdet sein muss.

Kinder gelten als armutsgefährdet beziehungsweise arm (diese beiden Begriffe werden oft synonym verwendet), wenn ihre Eltern arm sind, und die sind arm, wenn das Familieneinkommen 60 Prozent des nationalen Durchschnitts unterschreitet. Bei einer gegebenen Einkommensverteilung (und die ändert sich nur langsam) ist der so berechnete Prozentsatz armer Menschen immer gleich, er liegt derzeit bei 16 Prozent für alle und bei 20 Prozent für Kinder. Letztere gehören überproportional oft „armen“ Familien an. Aber diese Prozentsätze bleiben auch bei wachsendem Einkommen immer gleich. Das heißt, wenn sich das reale Einkommen aller Familien verdoppelt oder verdreifacht, sind nach der aktuellen Definition weiterhin 20 Prozent aller Kinder arm.

Dieses Anbinden der Armutsquote an einen bestimmten Prozentsatz des Durchschnittseinkommens ist die Kardinalsünde der medialen Armutsberichterstattung und wissenschaftlich völlig unhaltbar. Wie etwa von Wirtschaftsnobelpreisträger A.K. Sen überzeugend dargelegt, muss Armut, wenn man dieses Phänomen wirklich ernst nimmt, an den Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe anknüpfen. Die gehen weit über das physische Existenzminimum hinaus, haben aber mit dem Durchschnittseinkommen einer Gesellschaft allenfalls indirekt zu tun. So kann man durchaus darüber debattieren, ob ein funktionierender Zugang zum Internet für eine gesellschaftliche Teilhabe heute nötig ist. Wer den nicht hat, wäre damit arm. Der Punkt ist: ob jemand arm ist oder nicht, hängt alleine davon ab, was jemand selber kann und darf, nicht was andere können oder dürfen.

Beim Anbinden an den gesellschaftlichen Durchschnitt haben wir dagegen die perverse Situation, dass bei einem Umzug von Jürgen Klopp von England zurück nach Deutschland die Armut in Deutschland steigt. Der Durchschnitt der Einkommen würde wachsen  und damit auch der Anteil derjenigen, die weniger als 60 Prozent dieses Durchschnitts verdienen. Dieser Perversion versucht man zwar, durch Verwendung des Medians statt des arithmetischen Mittels die Spitze zu nehmen (der Median ist das Einkommen, das in der Mitte liegt, also von der Hälfte unter- und von der Hälfte überschritten wird), aber es bleibt die völlig sachwidrige Option, dass die Armut durch das reicher werden gewisser Menschen zunimmt und dass man umgekehrt die „Armut“ dadurch senken kann, nicht indem man den Armen etwas gibt, sondern indem man den Reichen etwas nimmt.

Das korrekte Quantifizieren der Armut in einer Gesellschaft ist alles andere als einfach. Nicht ohne Grund hat es nach A.K Sen im Jahr 1998 vor kurzem drei weitere Nobelpreise für konstruktive Lösungsvorschläge gegeben: Esther Duflo, Abhijit Banerjee und Michael Kremer 2019. Sicher ist nur eines: das bloße Anbinden der Armutsquote am gesellschaftlichen Durchschnittseinkommen ist der falsche Weg.

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